Harzreise

Mir ist der Harz immer dunkel vorgekommen, dunkel und eng wie die grau verschindelten Häusergassen der Bergbaudörfer. Das ist sicher nicht fair dem Harz gegenüber, irgendjemand sagte mir mal, im Osten soll er teilweise ganz weit sein und von hellen Birken geprägt, fast skandinavisch. Wegen meines inzwischen kaum mehr provisorisch zu nennenden Wohnortes in Harzrandlage komme ich meist von Südwesten her in den Harz, vielleicht ist es der geographisch falsche Zugang. Vielleicht ist es auch der biographisch falsche Zugang. Er sollte bestens sein, sind doch sowohl mein geliebter Großvater als auch meine geliebte Mutter gebürtige Harzer. Oder „am-Harzer“, wie es in ihrem Geburtsort genau heißt. Doch vielleicht bin ich geprägt von meiner ebenfalls sehr geliebten Großmutter, der Mutter meiner Mutter und Ehefrau jenes Harzer Großvaters. Sie kommt aus einer ganz anderen Gegend, von der Ostsee. (Das ist meine Großmutter.) Ihr Ankommen im Harz war kein glückliches, sie war auf der Flucht und hochschwanger, bei sich hatte sie nichts als ein Kissen mit Säuglingsausstattung. Nachdem die Russen das Gasthaus ihrer Eltern übernommen hatten, kamen ihr Mann, der Kriegsheimkehrer, und sie erst einmal bei seinen Eltern unter. Das war ein Glück, ihrem Vater (und nicht nur ihm, natürlich) ist es nicht gut gegangen in der Sowjetischen Besatzungszone, wer weiß, was sie noch erlebt hätte – zusätzlich zu dem, was sie schon erlebt hatte und worüber sie nie offen sprach. Nur, dass der eine im Haus eigentlich sicher nett gewesen sei. Ihre Angst blieb aber spürbar bis weit nach der Wende. Dank ihrer weit fortgeschrittenen Schwangerschaft und weil sie Familie in der Nähe hatte, durfte sie nach der Flucht in überfüllten Zügen das Durchgangslager Friedland direkt wieder verlassen und zum Hof im Harz weiterreisen, doch bei den Schwiegereltern wurde sie mit ihrem neuen Status als mittelloses Flüchtlingsmädchen nicht mehr ganz so herzlich aufgenommen wie zuvor. Ihr kleines Mädchen, ihr erstes Töchterchen, für das die Erstlingsausstattung im Kissen war, ist kurz nach der Geburt gestorben. Davon hat sie mir viel später erzählt, und so habe ich zu dieser Geschichte meine ganz eigenen Bilder von ihr geerbt. Das also war der Anfang ihres neuen Lebens im Westen. Zwei Jahre später wurde ihre zweite Tochter geboren, meine Mutter, die Zwillingsmädchen kamen weitere zwei Jahre später in der nächsten Kreisstadt zur Welt. Da sind sie geblieben, meine Großeltern, und da wohne ich heute, ganz in der Nähe zu dieser Familiengeschichte also. Dennoch werde ich nicht warm mit dieser Gegend, und ganz und gar nicht mit dem Harz. Kann man Unbehagen erben? Kann man Prägungen über zwei Generationen annehmen? Oder bin ich einfach mit dem falschen Fuß zuerst in den Harz gegangen? Vor ein paar Jahren, meine Großmutter war schon tot und ich gerade schwanger, waren wir in ihrer alten Heimat, auf der Ostseeinsel. Als ich dort an der Seebrücke stand und über das weite Meer schaute, hinter uns Kiefern und Sand und landschaftliche Offenheit, habe ich mich so heimisch gefühlt. Das kann eigentlich auch nicht sein, denn dort bin ich ja nicht zu Hause und war es auch nie. Wenn überhaupt, bin ich ein Nordseekind. (Allerdings schwappte so ein Heimatgefühl auch in Dresden auf der Brücke über mich hinweg, da kommt die andere Familie her.) Aber ich stand dort am Strand, blickte auf die Seebrücke, dachte an die sepiafarbenen Bilder meiner Großmutter als junges Mädchen, wie sie so dort leicht und strahlend an dieser Brücke gestanden hatte, und versuchte diese Weite und dieses Meer mit dem Harz in Einklang zu bringen. Wie kann man mit Angst, Abschiedsschmerz und Ungewissheit über den Verbleib der Liebsten, aber auch mit viel Hoffnung im und unterm Herzen diese Reise antreten und dann dort – ich weiß nicht, was sie fühlte; ich fühlte mehr als 60 Jahre später vor allem Enge. (Buchenwald war noch enger, ja. Aber ich dachte in dem Moment nicht an Buchenwald, nur an diese Weite des Ostseestrandes, das Licht und die betörende Schönheit einer Insel, und an die Enge der Schindelgassen und die dunklen Tannen.) Das prägt mein Harzbild, und es ist ganz sicher ungerecht, ich habe dem Harz glaube ich nie eine Chance gegeben, sondern sehe ihn durch einen nicht gewussten, nur empfundenen Nachkriegsfilter. Wahrscheinlich ist auch der Harz ein heller Ort mit herrlicher Natur, wenn man nur bereit ist zu schauen.
Allerdings sind meine Mutter und ihre Schwestern gerade unterwegs im Harz, in ihrem Harz. Sie schrieben mir heute, wie sie gefahren sind: „Über Neinstedt, Totenrode, vorbei an der Datschensiedlung Abendruhe sind wie über Elend wieder in Sorge gelandet.“ Ein heiteres Fleckchen Erde also fürwahr. 
(Sie schlagen als künftige Reiseziele Glücksburg und Freudenstadt vor. Ich möchte wieder an die Ostsee.) 
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Feliz cumpleaños, poeta.

Das war 2005. Morgens um 5 nach einer Fahrt durch das halbe lange Land, angekommen am Hafen von Puerto Montt und mit Blick nach Chiloé. 
Heute hat er Geburtstag, mein Dichter. Herzlichen Glückwunsch zum 75, Floridor! 


A un avión en la noche

Un

pirata 

nos roba 

las estrellas

y se las lleva al mar

sobre un 

pez

volador.


(Floridor Pérez, sehnsuchtsvolles Kindergedicht aus Cielografía de Chile, 1973)

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Lizenz

Wir sind in einem Laden, der sich auf Kinder eingestellt hat: Während Mami die Kinderkleider durchguckt, kann der Nachwuchs mit den alten Spielsachen aus der großen Kiste spielen. Der Sohn nimmt dieses Angebot sofort an (und zwar so gut, dass Sachen anprobieren durchaus nicht möglich ist), spielt systematisch den ganzen Kisteninhalt durch, fährt Feuerwehren über den Boden, probiert Babyspielzeug aus, fliegt den Hubschrauber auf die Kleiderstange. Und er fragt. Das ist so seine Art. Zwischendurch ruft er mir zu, was er von der Verkäuferin erfahren hat. „Das sind Cowboys, Mami, die nennt man Cowboys“, oder: „Die Puppe hier heißt Käptn Blaubär. Ein Blaubär!“  
Ein Plastikding kann er nicht einordnen, es ist pastellig durchsichtig, halbfigural. „Was ist das?“ Die Verkäuferin guckt es sich an. „Das ist ein Beißring.“ „Ein Beißring?“ „Ja, das ist für kleine Kinder.“ Er dreht es in den Händen, denkt nach. „Und wenn man den Beißring kauft – dann darf man kleine Kinder beißen?“ 

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Komtesschen

Sollte ich eines Morgens erst beim Aufwachen bemerken, dass ich die Nacht auf einer komplett in meinem Bett aufgebauten Spielzeugeisenbahn verbracht habe, dann muss ich mich wohl endgültig von dem Gedanken verabschieden, eine echte Prinzessin zu sein.

Geht so. Nicht.

Also, liebe Linke, natürlich ist Reichtum teilbar. Aber doch bitte VOR dem T!  Reich|tum, der
Ok, reicht|um geht auch, in solchen Sätzen wie: „Der in diesem unseren Lande angesammelte Reich|tum reicht, um davon gut zu leben“. Aber ohne vernünftige Grammatik wird das doch wieder nichts mit der neuen Gesellschaft. 

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Gedichte!

Kaum ist man ein paar Tage weg, wird schon wieder gedichtet! Toll!
Bei Nic West gibt es eine Neuauflage der Limericks, diesmal in der Sonderform: „Famous poems rewritten as a limerick“.
Sie selbst hat den Anfang gemacht mit dem Herbstklassiker:

Der Dichter spricht: Gott, nun mal los,
mach den Herbst, der Sommer war groß.
Reimt „bleiben“ auf „schreiben“
beschreibt Blättertreiben –
im Hals spürt der Leser nen Kloß.

Ich kann es Ihnen nur ans Herz legen: Lesen Sie in dem deutschen Limerickblog weiter, und lesen Sie die Kommentare. Und dann lesen Sie bei Isa weiter. In den Kommentaren und sie selbst:

Herrgott, jetzt sieh halt mal zu,
der Sommer war mau, aber nu.
Kein Häuschen gebaut,
Beziehung versaut,
mach halt Herbst, dann ist endlich Ruh.

Ich hab natürlich auch schon mitgespielt. Es heißt vielleicht „Ich prangere das an“:

HErr, auf dem Herd steht Hühnersuppe.
Mit Dir hätte ich auch noch eins zu rupfen:
Die Bräune blass,
Die Füße nass,
Und auf den Fluren Schnupfen.

(Das nennt sich Assonanz von Vers 1 auf 2, so.)
Weiter Fassungen Rilke bitte nebenan bewundern, Morgenstern und Goethe waren auch schon dran, in hinreißenden Nachdichtungen. Kostproben? Bitteschön: 

„Ein Gleiches“ von Herrn Buddenbohm: 

Über allen Gipfeln ist Ruh
Kein Tier macht Mäh oder Muh
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur balde
Schreibt Goethe was dazu.

Und „Fisches Nachtgesang“ von Ichichich:

u u u u u u u u
u u u u u u u u
– – – – – –
– – – – – –
u u u u u u u u

Und all die anderen. Lesen Sie die Kommentare. Und wenn wir mit den Gedichten durch sind, werden Sagen, Märchen, Romane der Weltliteratur und Architektur in Limericks besungen, verspricht Nic. Ich freu mich. 



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15. November, Tag des unbekannten Googlers

Gestern war der Tag des unbekannten Googlers http://wiesenraute.de/2011/11/15/15-november-tag-des-unbekannten-googlers/>hier bei Nic West,http://soypercanta.blogspot.com/2008/11/tag-des-unbekannten-googlers.html>hier 2008 bei mir, vorher gibt es http://soypercanta.blogspot.com/2007/11/google-leser-fragen-percanta-antwortet.html>„Leser fragen“, aber 2009 und 2010 hab ich vergessen. Also, ganz. Dieses Jahr nur einen Tag.)

In diesem Sinne wieder:
Lieber unbekannter Googler, heute werden Deine Fragen ernsthaft beantwortet und Deine Kommentare kommentiert, heute suchst Du nicht ins Leere hinein, sondern begegnest einem realen Gegenüber. Zuerst bist Du dran, dann wir.

1. berliner brot mit mandeln oder nüssen
Mit Mandeln UND Nüssen! Und Schokostücken.

2. obst buenos aires, märz
Im März ist dort Spätsommer, und Argentinien hat ja klimatisch alles zu bieten. Also dürften Sie dort auch ein sehr breites Spektrum von Obst finden. Dürften Sie, wenn Sie an den richtigen Stellen suchen, zum Beispiel bei peruanischen Obst- und Gemüsehändlern. Die Argentinier („der Argentinier an sich“) hält es eher so, dass er nicht frisst, was er nicht kennt. Er kennt ganz gut Fleisch und Salat (aus Tomaten und Zwiebeln), Pasta und Pizza, und im Bereich Obst: Äpfel, Birnen, Bananen, Weintrauben. Auch im März in Buenos Aires.

3. schrauben
So wie Nägel, aber mit Dauerwelle.

4. wie erhalte ich meine locken unter der mütze
Da fragen Sie die richtige. Aber ich denke, feuchte Luft könnte helfen, darum würde ich es mit einer Nebelmaschine im Mützenfutter versuchen.

5. höflichst bitten synonym
überaus höflich bitte, sehr sehr höflich bitten, extrem höflich bitten, voll höflich so bitten, echt krass höflich bitten.

6. nur kniestrümpfe england winter
Ich würde an Ihrer Stelle etwas mehr anziehen. Ich weiß nicht, wie prüde die Engländer („der Engländer an sich“) sind, aber nur Kniestrümpfe? Ich weiß nicht.

7. steh ich hier im kurzen hemd
Sehen Sie, tun Sie sich mit dem Frager aus 6. zusammen, schon wird fast sowas wie Kleidung draus.

8. zibezi
Sagt die Meise, sagt mein Sohn. (Würde eine Zweitmeinung einholen.)

9. schublade artig knie
Sie haben sich an der Schublade die Knie artig angehauen? Nur artige Knie kommen in die Schublade? Wenn Du nicht artig bist, leg ich die Schublade über’s Knie? Etwas mehr Kontext bitte!

10. hochachtungsvoll steigerung
Reicht doch eigentlich, oder? Ansonsten: Höchstachtungssternhagelvoll.

11. plan blumen
Sehr guter Plan.

12. zimt geschichte
und
13. nuss geschichte
Ich möchte Sie gerne an die einschlägige Vorweihnachtsliteratur verweisen. Vielleicht erbarmt sich auch jemand in den Kommentaren.

14. magischer realismus john irving
Der Magische Realismus ist, wie Sie wissen, eine literarische Strömung, die sich nach Vorläufern in den 1920ern in den 1960er Jahren in Lateinamerika einen Namen gemacht hat. Das wunderbar Wirkliche sollte dabei als natürliches Element in den Alltag integriert sein. Die lateinamerikanischen Vordenker dieser Richtung meinen, dass dieses Denken den Europäern und auch anderen modernen Industrienationen, die Irving vertreten dürfte, nicht mehr möglich sei. Ob ein Bär reicht? Ich glaube nicht. Aber wir können diesen Gedanken gerne weiterspinnen.

15. der vollständig halber
Der Vollständigkeit halber: Der Vollständigkeit halber!
(Suffixe sind auch nur Menschen wie Du und ich!)

16. taufspruch eichhörnchen
Mit Eichhörnchen fällt mir auch keiner ein. Aber ich habe einen sehr schönen mit Einhörnern:

„Aber du, HErr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, meine einsame von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und errette mich von den Einhörnern. (Psalm 22, 20-22)

Eigentlich ein Grund für ein weiteres Kind.


17. facebook der name enthält zu viele wörter
JA DOCH! ICH WEISS!

18. schöne neologismen
Mein liebster selbstgeschmiedeter Neologismus, gestern angesichts des Wetters, von der Presse schnöde als „Inversionswetterlage mit Industrieschnee“ bezeichnet: Schneebel.

(Extrafrage 19. Percanta fragt: Warum gehen die Links in diesem Post nicht normal?!
Keine Ahnung, ich weiß auch, dass das bescheuert aussieht!)

Vielen Dank, gern geschehen, bist nächstes Jahr im November.
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